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Stipendiat 2003



Toby Axelrod

Herzlichen Dank, Herr Bürgermeister Hartmann, Herr Goldmann, Herr

Heiligenthal, Frau Licata, Lehrerin und Lehrer, liebe Reinheimer, Gäste und Freunde!

 

Ich bin sehr dankbar für die Ehre, die Sie mir erwiesen haben, und ich hoffe, dass meine Arbeit Ihren Erwartungen entsprechen wird. Das Robert Goldmann Stipendium wird mir helfen bei der Bewältigung der Aufgabe, die mich vor sechs Jahren nach Deutschland gebracht hat: Ein Buch darüber zu schreiben, wie Deutsche der Nachkriegsgenerationen mit ihrer persönlichen Geschichte in der Nazi-Zeit umgehen ? das heißt mit der Geschichte ihrer eigenen Familien und ihrer Gemeinden. Ich  interessiere mich dafür, wie jeder Einzelne die verschieden verborgenen oder sichtbaren Hindernisse überwunden hat, um die Vergangenheit aufzudecken und um gegen Vergessen zu kämpfen. Und ich interessiere mich für die Auswirkungen einer solchen Arbeit auf Deutschland, in West und Ost.

Wie Sie an meinem Akzent hören können, kam ich von weit her, um mir ein vorübergehendes Zuhause in Berlin zu schaffen. 1997 brachte mich ein Fulbright Stipendium von New York nach Deutschland, um an diesem Projekt zu arbeiten. Ein Jahr lang konnte ich in meinem damals neuen akademischen Zuhause, dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU in Berlin, intensiv forschen, und in den folgenden fünf Jahren ist es mir gelungen, immerhin ein bisschen weiter kommen, denn ich fing gleichzeitig wieder an, als Journalistin zu arbeiten. Hauptsächlich schreibe ich über jüdisches Leben in Deutschland, über die Beziehung zwischen Deutschland und Israel und über Minderheitenthemen usw. für amerikanische und britische Leser.

 

Viele Leute fragen, was mich antreibt, ob ich familiäre Wurzeln in

Deutschland hätte. Und die Antwort ist - anders als bei Herrn Goldmann, den Sie gut kennen ? nein. Beide Seiten meiner Familie stammen aus Osteuropa, und mein Vater wurde eigentlich in Polen geboren. Er kam mit seiner Familie in die USA, als er vier Jahre alt war.

Meine Wurzeln liegen also nicht in Deutschland. Dennoch hat Deutschland das Schicksal meiner Familie zutiefst beeinflusst, wie Sie sich vorstellen können. Da ich nie eine persönliche Beziehung zu Deutschland hatte, stand ich auch nicht in dem Konflikt zwischen der Bewunderung für den kulturellen Reichtum und dem Entsetzen über die schreckliche Wirklichkeit dessen, was unter Hitler geschah. Goethe, Beethoven und andere waren einfach berühmte Künstler aus der westlichen Tradition.  Was ich über Deutschland wusste,  war bestimmt von der Unbegreiflichkeit der Nazi-Verbrechen.

Und damit stehe ich nicht allein.

 

Wie in den meisten jüdischen Familien, die ihre Wurzeln in Europa haben, ist auch in unserer Familie die Geschichte der Shoah sehr präsent. Heute gibt es in dem Ort, wo mein Vater geboren ist, ein kleines Denkmal für die mehr als 4.000 Juden, die dort im Oktober 1942 ermordet wurden.

In einer seiner wenigen Andeutungen über das Schicksal seiner Familie hat mein Großvater einmal erzählt, wie sich seine Mutter auf dem Bahnhof von ihm verabschiedete, als er 1923 seine Heimatstadt verließ. ?Sie weinte wie ein kleines Kind,? und er fügte hinzu, dass sie befürchtete, ihn nie wieder zu sehen. Jahrzehnte später sagte mein Großvater: ?Diese Worte habe ich bis heute im Ohr.?

 

Die persönliche Erfahrung von Verlust und/oder das Mitleid mit dem Leid der Betroffenen und vor allem die Angst vor der Unbegreiflichkeit der Shoah und deshalb vor einer möglichen Wiederholung der Geschichte haben viele Amerikaner, nicht nur jüdische, dazu geführt, Deutschland zu meiden. Ich aber habe mich immer  dafür interessiert, wie sich das Gewissen der Deutschen und ihr Selbstverständnis angesichts dieser Vergangenheit entwickelte.

Mein Interesse bekam vor zwanzig Jahren eine konkrete Richtung, als ich von der Arbeit  einer Schülergruppe aus Landsberg in Bayern erfuhr. Um die Lokalgeschichte der Nazi-Zeit zu erforschen, mussten sie viele vernagelte Türen aufbrechen. Ihr Hartnäckigkeit, ihre Entschlossenheit und ihre Neugier haben mich beeindruckt. Ich wusste, dass es mehr solcher Geschichten geben musste, und ich habe mir vorgenommen, eines Tages solche Geschichten zu sammeln und auf sie aufmerksam zu machen.

Von da an habe ich mit zahlreichen Leuten unterschiedlichen Alters gesprochen. Sie alle haben sich in gewisser Weise mit der Vergangenheit ihrer Familie oder ihres Wohnortes auseinandergesetzt, oder sie haben sich ganz bewusst entschieden, es nicht zu tun. Je mehr ich höre und sehe, desto komplizierter wird das Thema.

 

Meine Eltern haben immer wieder gefragt, wann ich wieder nach Hause kommen würde. Mir wurde klar, dass ich mich durch meine Erfahrungen verändert habe. Inzwischen bin ich, obwohl ich keine Wurzeln hier habe, eine Jüdin in Deutschland geworden. Und ich bin nun als Journalistin, als Jüdin und als Mensch nicht mehr in erster Linie mit der Vergangenheit konfrontiert, sondern mit der Gegenwart.

Täglich halte ich Ausschau nach Geschichten, die für amerikanische oder britische Leser von Interesse sein könnten. Viele dieser Geschichten handeln vom wieder entstehenden jüdischen Leben in Deutschland, in anderen geht es darum, mit welchen Herausforderungen Juden und andere Minderheiten in Deutschland konfrontiert sind. Zuweilen geht es um Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

 

Vor ein paar Tagen wurden wir alle mit einer solchen ?Geschichte? konfrontiert, in die ein Politiker Ihres Bundeslandes verwickelt war, nämlich das Bundestagsmitglied Martin Homann. Es ist eine Geschichte, die Vergangenheit und Gegenwart höchst explosiv verbindet. Es geht um einen Mann, dessen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte schlicht und einfach eine schroffe Abwehr von Verantwortung ist. Er benutzt gefährliche und uralte antisemitische Falschdarstellungen. Dieser Mann leugnet die Geschichte so heftig, als verrate er ein tiefes Schuldgefühl. Er verdreht die Tatsachen, indem er die Opfer beschuldigt, was eine alte Tradition hat.

Die Partei, der er angehört, lässt eine solche Rede sicher nicht durchgehen. Und sie ringt damit, wie sie mit dieser höchst peinlichen Episode umgehen soll.

Tatsächlich wäre diese Episode nie öffentlich geworden, wenn nicht der Neo-Nazi Horst Mahler Homanns Rede wörtlich gedruckt und an seine Mailing-Liste geschickt hätte. Einige ?watch dogs? erhielten diese Mail am 27. Oktober, und sie zeigten die rote Flagge.

 

Ich stimme denen zu, die Homann dazu aufrufen, die Partei zu verlassen, der er diese Blamage zugefügt hat. Ein Rücktritt beseitigt zwar nicht das Problem, aber er würde diese Person aus dem Rampenlicht nehmen und in die dunkle Ecke stellen, in die sie gehört.

Wenn man aber sieht, wie er sich im Gespräch mit Angela Merkel ohne Reue oder gar Verständnis für das, was er angerichtet hat, zeigte, ist es wohl unwahrscheinlich, dass Homann von sich aus seinen Posten verlassen wird.

Leider werden diese dunklen Ecken, wie wir alle wissen, weiter existieren. Wir können sie erkennen in den Verhaftungen vom September in München, in der Propaganda von NPD, DVU und den Republikanern, und auf Websites, von denen eine einen link zu Homanns eigener Homepage hat.

Vielleicht sogar noch beunruhigender ist, dass alte antisemitische und antijüdische Traktate und Bilder in extremen islamistischen Kreise wieder aufkommen ? in Deutschland und anderswo. In meinen schlimmsten Alpträumen stelle ich mir vor, dass es keinen Ausweg aus dieser Falle von Ignoranz und Hass gibt.

Aber nicht meine schlimmsten Alpträume sind der Grund, weshalb ich hier in Deutschland bin, weshalb ich hier bleibe. Was mich hierher gebracht hat und mich hier hält, ist das Gefühl, dass viele Deutsche ? insgesamt zwar nur eine kleine, aber leuchtende Minderheit ? von der Geschichte gelernt haben und zu leidenschaftlichen Kämpfern gegen Ignoranz und Hass wurden.

Sie besuchen Archive, sprechen mit Familienmitgliedern und Nachbarn und spüren jeden Hinweis auf die einst blühenden jüdischen Gemeinden auf. Meist tun sie dies nicht als distanzierte Wissenschaftler, sondern als Individuen, die verstrickt sind in die Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie ich es bin und wie Sie es auf unterschiedliche Weise sind. Auf diese Art hat ihre Arbeit dazu beigetragen, das Gesicht der historischen Forschung in Deutschland zu verändern. Sie haben zu den Zahlen und Fakten, die wir alle nachlesen können, die Geschichten einzelner Menschen, die Schicksale von Individuen hinzugefügt.


     
 

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Mitschnitt eines Berichts von Robert B. Goldmann im Radio Deutschland Berlin vom 07.07.03