Mit den Italienern kam die Pizza
Immigranten: In Reinheim ist eine Ausstellung den ersten Gastarbeitern gewidmet ? Licatas Bürgermeister erinnert sich
Manche von ihnen waren noch Kinder, als sie ihre Familien und ihre Heimat verließen. Mit gerade erst 14 oder 15 Jahren machten sie sich auf in die Fremde, in der Hoffnung auf ein finanziell besseres Leben.
50 Jahre ist es inzwischen her, seit die ersten Gastarbeiter ? die meisten waren Italiener ? nach Deutschland und somit auch nach Reinheim kamen. Mitte der Fünfzigerjahre zeigten sich durch Einführung der Wehrpflicht und den beginnenden Aufschwung personelle Engpässe in einigen Wirtschaftsbereichen. Deutschland und Italien unterschrieben 1955 einen ?Anwerbevertrag?, der vorwiegend junge ledige Männer als Arbeitskräfte ins Land holen sollte. In Reinheim, wo sich besonders viele Sizilianer aus der Gegend um Licata niederließen, erinnert bis Mittwoch (4.) im Rathaus eine Ausstellung an die ehemaligen Gastarbeiter, von denen ein Teil mit ihren Familien heute aus Reinheim nicht mehr wegzudenken ist. Fotos und Geschichten erzählen von den Anfängen italienischen Lebens und den Menschen, die bis heute das Miteinander in vielen Städten und Gemeinden prägen.
?Mit den Italienern kamen so leckere Sachen wie Eis, Pizza und Spaghetti zu uns nach Deutschland?, freut sich eine ältere Dame, die interessiert die Lebensgeschichte von Lorenzo Magliarisi durchliest, der als Vierzehnjähriger Mitte der Fünfzigerjahre ohne Familie nach Reinheim kam. Doch das Leben in der Fremde war für die Gastarbeiter nicht nur angenehm. ?Meine Eltern hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb, auch bei uns gab es einen Gastarbeiter aus Italien?, erzählt Klaus Schultze. ?Der junge Mann war gerade erst 20 Jahre alt, als er zu uns kam. Er hatte sehr oft Heimweh.? Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und der Mentalität kamen dazu. ?Meine Mutter wurde schließlich zu einer Art ?Ersatzmama? für ihn?, erinnert sich Schultze. Besonders in Erinnerung geblieben sind dem heute Dreiundsechzigjährigen jedoch die Kochkünste des italienischen Gastes. ?Er hat uns manchmal Spaghetti gekocht, mit vielen Tomaten und Pepperoni drin.? Recht pikant sei das Gericht gewesen, ?aber sehr lecker?. Schultzes Ehefrau habe das Rezept inzwischen übernommen. ?Wir essen das heute noch gerne?, sagt Schultze und lacht.
Zum Schmunzeln sind auch die Spitznamen, die manch ein Italiener von seinen deutschen Nachbarn erhalten hat. Pasquale Magliarisi, der 1962 nach Reinheim kam, etwa wurde ?Horst? genannt ? Pasquale war für deutsche Zungen einfach unaussprechlich Als er Mitte der Achtzigerjahre einen Getränkehandel in Reinheim eröffnete, nannte er das Geschäft ?Getränke Horst?.
Manche erinnern sich mit Wehmut an die Zeit, als sich massenhaft junge Italiener auf den Weg nach Deutschland machten. ?Diese Bilder berühren mich sehr?, erklärt Angelo Biondi, Bürgermeister der sizilianischen Partnerstadt Licata, als er die Reinheimer Ausstellung besucht. ?Auch mein Vater und meine Brüder waren einst als Gastarbeiter in Deutschland.? Biondi erinnert sich an die Geschichte seiner Familie, die eng mit Deutschland verknüpft ist. ?Bilder wie die, die hier zu sehen sind, finden sich auch in unserem Fotoalbum und in den Alben vieler anderer italienischer Familien.? Nahezu alle Licatesen hätten einen oder mehrere Immigranten in der Familie.
Inzwischen leben in Reinheim 350 Menschen italienischer Abstammung, die meisten stammen aus Biondis Heimatort. So auch die junge Daniela, die den Zwiespalt zwischen den beiden Kulturen beschreibt, in denen sie aufwächst. ?In Deutschland bin ich die Italienerin, in Italien die Deutsche.? Aber egal wo das Mädchen auch lebe, ?ich fühle mich vom Herzen her als Italienerin?.
